Gedenktafelaufstellung anlässlich der Demokratiebewegung

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Bericht, Vortrag vom 23.09.2008 Thema:

„Die Bahnrevolte zu Orschweier“

Der Südwesten gilt vielen als Wiege der Demokratie, denn die Forderungen nach Freiheit und Einheit wurden hier im 18. und 19. Jahrhundert besonders vehement geäußert.
Vor etwa 10 Jahren schlossen sich ein Dutzend Städte in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz unter dem Titel „Straße der Demokratie“ Zusammen, um gemeinsam für historisch bedeutsame Gebäude, Plätze und Denkmäler in ihren Gemeinden zu werben. Ausgangspunkt für die Badische Revolution  war in Offenburg das Gasthaus „Salmen“. Am 12. September 1847  versammelten sich Friedrich Hecker und Gustav von Struve mit anderen Gesinnungsgenossen, um ein Programm zu verabschieden, mit dem sie die unveräußerlichen Menschenrechte einforderten, die „Forderungen des Volkes in Baden“  nach Bürgerrechten, sozialer Sicherheit und GleichheitEine große Rolle für die badischen Revolutionäre spielte z.B. die Stadt Lörrach. Aufgrund seiner grenznahen Lage flohen viele Freiheitsdenker von hier ins Ausland. In die entgegengesetzte Richtung, nach Norden, zog es Gustav Struve, nachdem er von Lörrach aus die deutsche Republik ausgerufen hatte.Die freiheitliche Bewegung in Baden und im Land nahm immer mehr zu und wurde immer massiver.Aus vielen Freiheits“denkern“  sind im Laufe der Monate Freiheits“kämpfer“ geworden.  Die badischen Revolutionäre verlangten die weitestgehenden Veränderungen. Unter Führung der Advokaten, also der „Hinzugerufenen“  Friedrich Hecker und Gustav Struve  forderten sie unter anderem. Die Schaffung einer Volkssouveränität, d.h. nicht ein Monarch, sondern das Volk steht einzig über der Verfassung Die Abschaffung der Adelsprivilegien und Bauernbefreiung·  Die Abschaffung der Volksbewaffnung und·  eine progressive Einkommensteuer, d.h. gerechte, individuelle BesteuerungIm Grunde waren das schon Forderungen, nicht nur politischer, sondern auch sozialer Art.Diese Vorstellungen sollten beim sogenannten „Heckeraufstand“ im April 1848 durchgesetzt werden, d.h. in Konstanz wurde angeblich die Republik ausgerufen. Angeblich deshalb, weil keine der drei Konstanzer Zeitungen in ihren Berichten die Rede  erwähnte. Der „Heckerzug“, bestehend aus ca. 1.200 Mann, machte sich auf den Weg Richtung Rheinebene, also Richtung Orschweier, um die Landeshauptstadt Karlsruhe einzunehmen und um von dort aus die Republik in ganz Baden auszurufen.Jedoch werden die Aufständischen schon bei  Kandern auf der Scheideck  besiegt und Friedrich Hecker flieht ins Exil.Daraufhin überschlugen sich in den nächsten Tagen die revolutionären Maßnahmen im Amtsbezirk Ettenheim, in hektischer Nervosität.Ein großer  Teil der Revolutionäre hat sich in die Schweiz und in das Elsass abgesetzt. Von dort aus wurde nun in den nächsten Wochen und Monaten ohne weitere Behinderung agiert. Es wurde ein günstiger Moment abgewartet, um wieder loszuschlagen.Nicht mehr fliehen konnten die beiden Brüder,· Der Mahlberger Kronenwirt Karl Kuhn sowie·  Bürgermeister Franz Anton Kuhn, Kronenwirt zu Orschweier.Sie wurden verhaftet.Was wären die Männer ohne ihre Ehefrauen?Diese setzten nämlich zum einen eine Kaution für die Freilassung aus und zum anderen setzte die Frau des Bürgermeisters als Unterpfand das neu erbaute Wirtshaus Krone beim Bahnhof in Orschweier, samt dem dazu gehörigen Garten ein.Hecker wanderte über seine in Straßbourg  sitzenden Freischaren am 20.09.1848 nach USA aus.Freiheitsführer Struve dagegen, betrat mit seinen Genossen von der Schweiz aus am 21.09.1848 in Lörrach wieder badischen Boden.Er proklamierte sofort die „Deutsche Republik“ unter der Losung:Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle sowie Aufhebung der bisherigen Lasten und Einführung einer progressiven  Einkommensteuer.“Der zweite Aufstand, der sog. „Struve-Aufstand“ hatte begonnen.Am Freitag, den 22. 09.1848 wurden dann in Karlsruhe  schnellstens  Truppen verladen, um sie mit der Eisenbahn in das badische Oberland zu fahren.Aber noch schneller reagierten die Revolutionäre in Orschweier mit einem Anschlag auf die Bahngleise des neu ausgebauten  Schienennetzes  in Baden, das seit dem Frühjahr 1848 von Mannheim bis Schlingen reichte und darüber hinaus auch Kehl und Baden-Baden mit einbezog. Die Zerstörung solle den anrollenden Truppentransport verhindern oder zumindest verzögern. Die Freiheitskämpfer machten es sich zur Aufgabe, die Demokratie in Baden unter allen Umständen, d.h. auch mit Gewalt, herbeizuführen.Ein Anlass war auch schon gefunden.Der entstand in vergangener Nacht, vor 160 Jahren, im Jahre 1848 in der Südortenau, speziell um und in Orschweier. Eine wahrhafter  Aufregung war die Bahnrevolte zu Orschweier. Der Kopf des Aufstands im Bezirk  Ettenheim war wohl Rechtsanwalt Achaz Stehlin aus Ettenheim. Der 41-jährige  hielt  seit der Niederlage von Hecker  von Benfeld im Elsass aus die Mannschaft zusammen. Unterstützt wurde der Rechtsanwalt von dem Mahlberger Rechtspraktikant Rudolph Kuhn, der ebenfalls aus Straßbourg im Elsass agierte.Eingeleitet wurde  das Unternehmen Bahnrevolte zu Orschweier vom dem Engelwirt Johann Nepomuk Winkler aus Grafenhausen, der sich schon früh öffentlich zur freiheitlichen Idee bekannte.  Er war ein  großer, beleibter Mann, mit lebhafter  Gesichtsfarbe und braunem Bart.  Sein Gasthaus „Engel“ war zentraler Ort für freiheitliche Gesinnungsgenossen seinem Freund Geometer Heuberger in Mahlberg und Bürgermeister Heidegger aus Mahlberg sowie· der Kanonier Kuhner aus PforzheimIn kürzester Zeit brachten sie zwischen 110 und 120 Revolutionäre aus den Orten Kapppel, Grafenhausen, Ettenheim, Ringsheim, Rust, Nonnenweier, Mahlberg und Orschweier zusammen.Mahlberger Kopf des Unternehmens war wohl der  Kronenwirt Karl Kuhn.  Neben dem 39-jährigen spielten Geometer Heuberger und Löwenwirt Binz die Hauptrollen. Heuberger, z.B. ritt von einem Ort zum anderen, verlangte die noch vorhandenen Gewehre sowie die Fackeln auszuliefern und es gelang ihm einen teilweise bewaffneten Zug von etwa 20 Mann zustande zu bringen, die nach Orschweier zogen. Die übrigen Revolutionäre erpressten vom Bahnwart Link Werkzeuge und demolierten von 10 Uhr an bis morgens um 02.00 Uhr die Brücke über die Etter, den heutigen Ettenbach.Ca. 200 Männer hatten über Stunden ganze Arbeit geleistet und nach erledigter Arbeit sich wieder in alle Richtungen verstreut. Jetzt konnte nur noch den Dingen ihren Lauf gelassen werden.Noch in der gleichen Nacht vom 23.09. kam gegen 05.00 Uhr morgens der erste Militärzug in Orschweier an, jedoch war vorläufig hier die Fahrt zu Ende. Für die hochkarätig geführten Militärzüge, mit dem großherzoglichen Minister Freiherr von Reitzenstein oder dem General Hoffmann an der Spitze, war die Reise mit den Truppen im Bahnhof von Orschweier  vorerst zu Ende.Die Zerstörung war so bedeutend, dass der Zug mehrere Stunden liegen bleiben musste. Eine Holzbrücke oberhalb Orschweier war beinahe gänzlich demoliert, Schienen samt den Schwellen weggeschleppt und im Ettenbach versenkt.Doch die anschließende Weiterfahrt und die dadurch entstandene Übermacht der monarchischen Truppen verhalfen der Monarchie erneut zum Sieg.  Der  Zug nach Freiburg konnte weiterfahren.Am darauffolgenden Tag meldete der Bürgermeister Anton Kuhn, der ja selbst in der Orschweierer Krone anwesend und beteiligt war, die Demontage.Namentlich wurden dann ca. 60 Personen bekannt, die an dem hochverräterischen Unternehmen beteiligt worden, u.a. leider auch der Bürgermeister von Orschweier, Herr Kuhn, und der Bürgermeister, Amtsverweser Baum von Mahlberg.Ohne militärische Hilfe war jedoch eine Verhaftung nicht möglich, die Angst saß den Reaktionären im Nacken.So gärte es weiter unter den am Aufstand beteiligten Personen weiter während der Bezirksbeamte beim Ministerium des Innern um Unterstützung bat.Am Sonntag in der Früh ließ Heuberger Generalmarsch blasen, die Republik ausrufen und zu neuem Zug nach Ettenheim auffordern, um die Beamten gefangen zunehmen. Doch dieser Plan soll namentlich an der in Mahlberg vorhandenen Gegenpartei den sog. „Sonderbündlern“  vereitelt worden sein.Am Sonntagabend wurde dann der Bahnhof  Orschweier zur Abwehr des angekündigten Anschlags mit der Bürgerwehr besetzt und noch andere Maßnahmen ergriffen.Das gleiche Schicksal ereilte auch Gustav Struve in Lörrach, wo er mit seinen Anhängern wiederum die Republik ausrufen wollte.  Er scheiterte ebenfalls. Struve wurde gefangen genommen und bei einem Hochverratsprozess in Freiburg zu  einer Haftstrafe verurteilt.Im Amtsbezirk Ettenheim gab es nicht für alle Revolutionäre ein entkommen. Besonders die Funktionäre, der Kronenwirt Karl Kuhn und Löwenwirt Binz aus Mahlberg, der Bürgermeister Franz Anton Kuhn aus Orschweier und der Kaufmann Rauch aus Grafenhausen wurden sofort festgenommen. Andere Teilnehmer aus der Südortenau zogen sich erneut in das Elsass zurück. Erneut warteten sie dann die weitere Entwicklung ab.Nach dem unglücklichen Ausgang des zweiten Aufstandes wurde dazu aufgerufen, die Waffen die an die Volkswehr aus dem Zeughaus in Karlsruhe geliefert worden waren, wieder abzugeben. Die Fortsetzung der Monarchie erfolgte in Deutschland bis nach dem 1. Weltkrieg. Die badische Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts war ein Meilenstein für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland.Diese fand nicht nur in den großen Städten, sondern auch in kleinen Orten statt. Auch in und um Orschweier gab es mutige Kämpfer, die ihr Leben auf Spiel gesetzt und dabei ihr Hab und Gut verloren haben. Viele von ihnen waren in ihrer Existenz ruiniert und wanderten mit ihrer Familie aus.Wir haben das Recht und die Verpflichtung, eine freiheitlich-demokratische Erinnerungskultur zu pflegen und in die Zukunft  Europas zu tragen. Es ist daher folgerichtig, in Orschweier, diese Tafel nach genau 160 Jahren aufzustellen und somit ein würdiges Denkmal zusetzen.

Info:Die Fakten zu den Geschehnissen sowie die Namen der beteiligten Personen wurden durch Herrn Josef Naudascher, Mahlberg, im Generallandesarchiv Karlsruhe, sowie im Staatsarchiv Freiburg gesichtet, ausgewertet und zusammengetragen. Herr Naudascher fertigte eine Dokumentation an, welche käuflich erworben werden kann.

Bernd Dosch Ortsvorsteher Orschweier

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Interview Bernd Dosch bei SWR4 zur Bahnrevolte in Orschweier

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